Essener Gymnasium bietet ungewöhnlichen Ausbildungsgang an
Von unserem Korrespondenten jz. Essen
Friedhelm Tanski macht sich trotz der allgemein sinkenden Schülerzahlen keine Sorgen um die Zukunft seiner Schule. Der Direktor des Gymnasiums im feinen Essener Vorort Werden hat bei der letzten Anmeldung zur fünften Klasse sogar zwölf Schüler nicht aufnehmen können, weil ihm dafür der Platz fehlte. Solchen Andrang ist Tanski seit Jahren gewohnt. Die Schüler zieht's unter anderem deshalb nach Werden, weil sich bis weit über die Grenzen des Einzugsgebietes herumgesprochen hat, daß hier von Anfang an die musischen Fächer von der Kunst bis neuerdings hin zum Tanz in das allgemeine Lehrprogramm gehören. In Werden gibt es sogar Abiturienten - und das ist einzigartig in der Bundesrepublik -, die zum Beispiel in Musik und Tanz ihre Reifeprüfung ablegen.
Die 18 jährige Bärbel Streffer wird in wenigen Monaten zu den drei ersten Schülern im Bundesgebiet gehören, die ein solches Abiturzeugnis in den Händen halten. Neben Musik und Tanz wird sie ihre schriftlichen und mündlichen Prüfungen noch in Mathematik und Erdkunde absolvieren müssen. Die ungewöhnliche Fächerkombination würde sie anschließend freilich nicht hindern, ein ganz normales Hochschulstudium aufzunehmen, da der Werdener Abschluß allgemein anerkannt wird. Solche Absichten hat Bärbel Streffer allerdings nicht, sie möchte nach England und dort ihre Ballettausbildung abschließen. Von ihrem Können überzeugte sich jetzt auch der neue nordrhein-westfälische Kultusminister Hans Schwier. Vom klassischen Training bis hin zu einer schottischen Tanzsuite reichte das Repertoire der jungen Tänzer. "Was man hier gesehen hat, ist der sichere Beweis dafür, daß auf diesem Wege tatsächlich noch deutsches Ballett möglich ist", urteilte der Minister.
Die Werdener bringen besonders gute Voraussetzungen für diesen Ausbildungszweig mit. unmittelbarer Nachbarschaft des Gymnasiums liegt die Folkwang-Hochschule für Musik und Tanz. Deren Dozenten unterrichten gleichzeitig an der Schule und haben so schon frühzeitig Gelegenheit, sich ihre späteren Studenten auszusuchen. Wer die Tanzausbildung am Werdener Gymnasium begonnen hat, für den kann sich ein späteres entsprechendes Fachstudium zum Teil erheblich verkürzen. Der 16jährige Jens Rabe ist zum Beispiel nach dem Urteil seiner Lehrer so weit, daß er an der Fachhochschule höchstens ein weiteres Jahr bis zum Examen brauchen wird. Das war der wesentliche Grund, weshalb Jens sogar aus dem niedersächsischen Göttingen in die Ruhrnetropole gewechselt ist.